"Ganz egal, woher mein Essen kommt?!"
Symposium in Leogang erfährt breites Interesse, nur die Gastronomie glänzt mit Abwesenheit!
Im Rahmen der heurigen Sonderausstellung "Das Pinzgauer Rind. Ein Kulturgut unseres Landes." veranstalteten die ARGE Pinzgauer und das Leoganger Bergbau- und Gotikmuseum am 6. August eine Podiumsdiskussion mit fünf Menschen verschiedenster Herkunft und unterschiedlichsten Lebensentwürfen.
Einig waren sich die fünf Unternehmer aber in ihrer Einstellung und im Umgang mit unseren Ressourcen - weil die Zeit des Umdenkens nämlich schon lange gekommen ist und es nun gilt, mit vereinten Kräften an einer Zukunft zu bauen, die für das Miteinander brennt, wo Neid und Gier keinerlei Bedeutung mehr haben!
Herwig Ertl, Edelgreißler aus Kötschach-Mauthen leitete den Abend mit einer unkonventionellen Inszenierung ein - mit dem Aufruf, endlich aktiv zu werden und das Steuer für das Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich den Luxus "ICH SEIN ZU DÜRFEN" auch zu leisten - indem der Glaube an sich selbst gestärkt wird, um nicht Marionette des Systems zu sein, sondern Andersdenker, welcher erkennt, dass mit grenzenlosem Denken und gemeinsamer Energie Großes bewirkt werden kann!
Sepp Ellgass, Genussmacher der besonderen Art, Gastronom, Hotelier und im Herzen Bauer bzw. Pinzgauer-Züchter aus dem deutschen Allgäu, sprach von der inneren Haltung, die dem Menschen großteils gänzlich abhanden gekommen ist. Während der Bauer sich von einer Kontrolle zur anderen rettet und jede Förderung an schier unverrichtbarer Dokumentation und Bürokratie gekoppelt ist, ist in Österreich jede Diskussion um eine Herkunftskennzeichnung scheinbar zwecklos.
"Die Tatsache, dass sich von hundert Gastronomen ganze drei in ihre Karten schauen lassen, machen jeden weiteren Kommentar überflüssig!", so der leidenschaftliche Gastronom, dessen Moral es verlangt, dass sämtliche Pinzgauerrinder aus seiner Zucht von "Kopf bis Schwanz" veredelt werden.
"Meine Gäste bedanken sich für das gute Essen und weil meine Gerichte nicht endlos verfügbar sind, ist in unserer Karte manchmal auch der "Ausgegessen-Stempel" zu finden. Dies steigert nicht nur den Wert unserer Lebensmittel, sondern auch die Authentizität, weil ein Rind nämlich nicht nur aus Steak und Beiried besteht und es moralisch nicht in Ordnung ist, dieses im Übermaß anzubieten!", mahnte der Vorzeigegastronom, der als Koch weiß, wovon er spricht!
"Unser Auftrag ist es seit eh und je, mit unseren Tieren gut umzugehen, lange bevor von Tierwohl auch nur die Rede war", beschrieb Sepp Innerhofer, Roanerbauer in Saalfelden seine Haltung zur Rinderzucht, die am Roanerhof immer schon von der Pinzgauerrasse geprägt war bzw. ist. Innerhofer, der in seiner Bodenständigkeit und Unverrückbarkeit nicht zu übertreffen ist, zielte im Besonderen auf die Gefahr des immer "Mehr und Höher" in der Landwirtschaft, sind die letzten fünfzig Jahre praktisch nur von Aufschwung geprägt.
"Die Frage nach dem Limit stellt sich mir immer mehr, werden mit den technischen Errungenschaften wie beispielsweise der genomischen Selektion die Milchleistungen immer weiter vorangetrieben, während die vielgepriesene genetische Vielfalt zunehmend vernachlässigt wird", gab der passionierte, von großem Verstand gelenkte Pinzgauerzüchter zu bedenken.
Einen besonderen Weg hat auch Matthias Ploner, Tantscherbauer in Lajen/Südtirol eingeschlagen, indem er als gelernter Bäcker und Lehrender an der Bäckerschule in Brixen seinem inneren Wunsch - die Landwirtschaft seines Vaters wieder zu reaktivieren - folgte.
Sorgte allein schon der Entschluss bei vielen für die Frage, wie man "ein so sicher scheinendes Leben" nur aufgeben könne, so wurde die Entscheidung zur Bio-Landwirtschaft mit Pinzgauerkühen und Heumilchproduktion von manchen bäuerlichen Kollegen mit Kopfschütteln quittiert.
Dass der Weg zum Erfolg aber vielleicht gerade in dieser eigenwilligen und individuellen Betriebsweise liegt, hat Matthias Ploner in seiner kurzen Laufbahn als Rinderzüchter bereits eindrucksvoll bewiesen.
Der größte Erfolg des Tantscherbauern liegt aber mit Sicherheit im kollektiven Denken und fairen Handeln, indem Synergien bestmöglich genutzt werden und sich sowohl der Abnehmer seiner Stierkälber als Ochsenproduzent profilieren kann als auch die immer größer werdende Züchterschar, die sich über den Erwerb von guter Pinzgauergenetik aus dem Stall des Tantscherbauern erfreuen darf!
Sehr wesentliche und berührende Gedanken streute Alois Santner, Nigglbauer und Direktvermarkter aus dem Lungau in den Raum, als er von den immateriellen Werten sprach.
"Wenn wir aufhören, uns von den materiellen Dingen beherrschen und lenken zu lassen, wird es uns bewusst, dass wir alle genug haben und schließlich ist der Bauer der einzige Unternehmer, der sich selbst ernähren kann. Dies allein genügt, weil es im Grunde nicht mehr bedarf, als zu überleben und für die Menschen, die uns anvertraut sind, Sorge zu tragen", so ein Mensch, der sich auf seine Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Bibel beruft und sich als Gründer der Lungauer Direktvermarktung schon mehr als dreißig Jahre für die individuellen Stärken der bäuerlichen Produzenten stark macht!
Knapp hundert interessierte Teilnehmerinnen überzeugten sich von den Podiumsgästen, die mit viel Glaubwürdigkeit und ungeschönter Ehrlichkeit ihre Betriebs- und Lebenskonzepte darlegten und einmal mehr unterstrichen, dass die Landwirtschaft unglaublich schöne und erfolgsversprechende Möglichkeiten bietet - vor allem, wenn man das Steuer selbst in der Hand behält und das von der Schöpfung Anvertraute respektvoll und mit Augenmaß verwaltet!
Die gegenwärtige Zeit, wo manches im Umbruch und Ungewissen ist, bietet durchaus Chancen für eine Bewusstseinsänderung und wenn für unsere kleinstrukturierten Familienbetriebe Begriffe wie Regionalität, Herkunft und Ethik immer schon gelebte Strategie war, so kann auch in den Konsumenten vielfach ein Wandel wahrgenommen werden. Diesen gilt es nun zu forcieren und zunehmend Druck auf den Tourismus und die Gastronomie auszuüben - weil es unser aller Recht ist, zu wissen, woher denn unser Essen tatsächlich kommt !?!
Den fünf Podiumsgästen Josef Ellgass, Herwig Ertl, Josef Innerhofer, Matthias Ploner und Alois Santner gebührt an dieser Stelle größter Dank und Respekt - sie haben sich nicht gescheut, ihre Lebensmodelle aufzuzeigen und mögliche Wege für ein gutes Miteinander aufzuzeigen - weil wir schließlich alle einander brauchen und nur im gemeinsamen, neidlosen Auftreten und Handeln bestehen können - bleiben wir also dran!
Zeitungsberichte zum Downloaden
Pinzgauer Nachrichten - Beitrag von Andreas Rachersberger
Pinzgauer Nachrichten - Kommentar von Heinz Bayer
Salzburger Bauer - Beitrag von Daniela Eder
Christina Sendlhofer
Übrigens: Die nächste Veranstaltung ist fixiert - die (vom Vorjahr verschobene) Kochwerkstatt mit Sepp Ellgass
findet am Samstag, 20. November in der LFS Bruck statt.
Interessierte sind herzlich eingeladen, sich anzumelden - bei Christina Sendlhofer, Tel. 0664/8132660 - wir hoffen, dass der 2. Anlauf gelingt!







