Jungzüchter-Exkursion in die Schweiz
Am 23. Juli machten sich 20 Jungzüchter aus dem Pinzgau, Pongau, Süd- und Nordtirol auf, um die Schweizer Berge, Alm- und Landwirtschaft und die Bauern und deren Kühe kennenzulernen. Ich übernahm die Planung und Reiseleitung, da ich selbst zwei Almsommer in der Schweiz verbringen konnte und für das Pinzgauer Projekt in der Schweiz verantwortlich bin und dadurch die Schweiz schon öfters besucht habe. Durch diese Reise hatte ich die Möglichkeit die wunderschönen Kulturlandschaften und ihre Bewirtschafter meinen Jungzüchterkollegen vorzustellen.
1. Tag
Start um 7 Uhr in Maishofen, Abfahrt Richtung Schweiz
Um zwei Uhr nachmittags kamen wir am Mattenhof der Familie Probst an. Paul und Lucia Probst bewirtschaften mit ihrem Sohn Stefan einen 20 ha großen Mutterkuhbetrieb mit Pinzgauer Rindern. 3 ha werden als Acker bewirtschaftet, je ein Hektar Mais, Getreide und Wechselwiese, der Rest ist Grünland. Hier weiden 17 Pinzgauer Mutterkühe mit ihren Kälbern, ein paar weibliche Nachzuchttiere und ein genetisch hornloser Zuchtstiere. Die männlichen Kälber gehen mit 8 bis 10 Monate als Natura Beef auf den Schlachthof und erzielen aufgrund ihrer hohen Gewichte gute Preise. Die Tiere weiden im Sommer rund um die neu erbaute Hofstelle auf einer Kurzrasenweide und können untertags den schattigen Stall aufsuchen. Der Stall beeindruckte uns augrund seiner einfachen Bauweise und der selbst gebauten Einstreuanlage (siehe Foto). Nach der Betriebs- und Herdenbesichtigung lud uns die Familie Probst zu einer tollen Jause mit Schweizer Käse- und Fleischspezialitäten, wo noch weiter gefachsimpelt werden könnte. Ein herzliches Dankeschön an die Familie Probst für ihre Gastfreundschaft!
Nun mussten wir aber weiter Richtung Innerschweiz in den Kanton Obwalden auf die Mörlialp. Hier konnten die Jungzüchter die schöne Landschaft aufgrund des dichten Nebels anfangs nur erahnen, doch oben angekommen ging der Nebel in strömenden Regen über, der aber bald aufhörte und der Himmel heller wurde. Zu Fuß ging es zur Alphütte, wo Bruno Riebli seine Milchkühe, unter den zehn Original Braunviehkühen befinden sich auch zwei Pinzgauer Kühe, sömmert. Auf der Gemeinschaftsalp werden 60 Kühe gealpt und die Milch auf der Nachbaralp verkäst. Bruno ist ein begeisterter Pinzgauer Züchter. Vor 16 Jahren entdeckte er die Rasse in einer Zeitschrift und ist seither von unseren schönen Rindern fasziniert. Nun ist er seit zwei Jahren stolzer Besitzer von zwei Milchkühen mit Hörnern, die sich sehr gut bewähren. Beide Kühe, die im Übrigen Enzian heißen (gibt es in Österreich keinen anderen Kuhnamen?), sind von Rat trächtig und bringen bald Nachwuchs.
Übernachtet wurde auf einer urigen Almhütte im Stroh. Unten kochte die Bäuerin auf dem offen Feuer Älplermagaronen, Kartoffeln, Nudeln mit Käse gemischt und mit Apfelmus serviert. Hier wurde noch bis spät in die Nacht auf dem Schwizerörgli gespielt, gelacht und s´Kehli gekostet (das ist ein Schüssal mit dünnem Kaffee, Zucker und mehr oder weniger Schnaps).
2. Tag
Nach einem ausgiebigen Frühstück ging es bei strahlendem Sonnenschein Richtung Süden über den Brünig und den Sustenpass nach Andermatt. Der Sustenpass verbindet den Kanton Uri mit dem Kanton Bern. Die Passstrasse ist eine der neueren in den Schweizer Alpen. Sie wurde erst zwischen 1938 und 1945 gebaut und dreht sich auf über 2.200 Meter hinauf. In Andermatt beginnt die Strasse auf den Gotthardpass, die schon zur Römerzeit ein wichtiger Nord-Süd-Übergang war. Oben am Pass erwartete uns bereits Matthias Zimmermann und wir besuchten die Alp Sorescia. Die Alpen am Pass gehören alle der Tessiner Gemeinde Airolo, die aufgrund der Wasserkraftwerke diese sehr gut erhalten können. Es führen überall gute Strassen bis auf die höchsten Weidegelände. Die Alp Sorescia ist von Angelo Lombardi gepachtet und wird mit 100 Milchkühen beweidet. Matthias Zimmermann, der im 130 km entfernten Aargau zuhause, bringt seit fünf Jahren aufgrund des lokalen Milchkuhmangels seine 150 Kühe im Sommer ins Tessin. Über 60, darunter seine 20 Pinzgauer sind auf Sorescia und werden hier im fahrbaren Melkstand gemolken. Die Weideflächen beginnen bei 2.200 Meter und gehen bis 2.600 Meter und erstrecken sich über einige Quadratkilometer. Die Milch wird zu Tessiner Alpkäse und Alpenbutter verarbeitet. Gerade die Pinzgauer Kühe bewähren sich im oft sehr steilen Gelände und bringen eine gute Leistung zum Melkstand. So werden sie sich auch vermehren, alle 150 Kühe von Matthias, sei es Rotfriesen, Braunvieh oder Fleckvieh, sind von Pinzgauer Stieren trächtig.
Hier auch ein herzlicher Dank an Matthias und Monika, Angelo und allen die geholfen haben für das Grillen zum Mittag und die schönen Wanderstunden am Gotthardpass.
Am Abend fühlten wir uns schon fast wie in Italien. In einer Pizzeria in Airolo im italienischsprachigen Tessin ließen wir den Tag ausklingen und so manche sollen dann noch bei unserem Quartier im Hospiz am Pass die Wirtin bis fast in den Morgen unterhalten haben.
3. Tag
Wieder zeitig am Morgen verließen wir bei schönstem Wetter den Gotthardpass Richtung Graubünden. Zuerst war noch der Oberalppass zu überwinden, wo nebenbei der höchste Golfplatz der Schweiz zu sehen war. Durch das Bündner Oberland am Vorderrhein entlang ging es nach Versam, einem kleinen Dorf am Eingang des Safientales. Dieses Tal ist ein 30 Kilometer langes Nord-Süd-Gebirgstal, das von rund 30 Bauernfamilien und 300 Einwohner bewohnt wird. Vorbei am Verbotschild für Fahrzeuge mit einer Breite von 2,30 Meter fuhr unser Chauffeur Wolfgang mutig mit dem 2,55 Meter breiten Bus ins Ungewisse. Das Tal ist nur durch eine einspurige Schotterstrasse mit zahlreichen Tunnels und Brücken erschlossen, wird jedoch mit dem Postauto sechsmal am Tag befahren. Im Dorfzentrum in der Mitte des Tales in Safien-Platz, das Tal ist sonst eine Streusiedlung, befindet sich ein Kramerladen, in dem man alles bekommt, ein Cafe (Z`Cafi), die Post, ein Selbstbedienungsladen mit regionalen Produkten sowie der neue Schlachthof. Vor zwei Jahren wurde eine Genossenschaft gegründet, um ein Schlachthaus zu bauen und die Tiere vor Ort schlachten und zerlegen zu können. Im Tal wird vor allem Milchwirtschaft mit Braunvieh betrieben. Die Milch wird jedoch aufgrund der Straßenverhältnisse nicht abgeliefert, sondern im Winter an Kälber verfüttert und im Sommer auf den Alpen verkäst. Auch gibt es immer mehr Mutterkuh- und Schafhaltungsbetriebe. Um die hochqualitativen Schlachttiere direkt vermarkten zu können, wurde vor einem Jahr das Schlachthaus gebaut und von einem Metzger aus dem Tal betreut. Stefan schlachtet und zerlegt Mastkälber, Vitellone (ca. 8 Monate alte Kälber, die mit Milch gefüttert werden), Kühe, Alpschweine, Schafe und Wild und erzeugt Hartwürste und Bündner Fleisch. Der Schlachthof ist auf dem modernsten Stand und der Bau wurde vor allem von privaten Sponsoren unterstützt. So ist es die Möglichkeit die Wertschöpfung im Tal zu halten und die Bauern haben die Möglichkeit ihr Fleisch zu einem guten Preis direkt zu vermarkten. Dadurch wird es weiter möglich sein, auch ein so extremes Bergtal weiter besiedelt zu lassen.
Nach einer Dorfbesichtigung und einem sehr guten Mittagessen war unser Ziel der Talschluss des Safientales. Nach vier Kilometer musste der Bus stehen bleiben, hier war nun endgültig Schluss. Auf Schusters Rappen waren wir nach weiteren zwei Kilometern bei unserer letzten Schlafstelle angekommen, am Hof der Familie Zinsli in Thalkirch auf fast 1.700 Meter Seehöhe. Am Nachmittag stand die Besichtigung der Alp Fälatscha am Programm. Die Milchkuhalp ist Sömmerungsquartier für 60 Milchkühe und 60 Stück Jungvieh und Mutterkühe. Hier wird Bündner Alpkäse und beste Alpenbutter erzeugt. Die Alpe, auf der ich zwei Sommer Hirte war, wird heuer von drei Deutschen bewirtschaftet. Nach einer Erklärung des Käsens und des Alpbetriebes und einem Kaffee im Turrahus (Tauernhaus) wanderten wir wieder zurück zu Ernst und Ursi Zinsli. Sie bewirtschaften einen Betrieb mit 24 ha Mähfläche und 25 GVE, davon 12 Milchkühe. Alpanteile und Hutweiden gehören ebenso zum Betrieb wie der 2006 neu erbaute Laufstall. Die Familie bewirtschaftet den Betrieb mit sehr viel Freude, wie sich uns gut vermitteln konnten. Die Wiesen werden nur zum Teil zweimal gemäht, so kurz ist die Vegetationszeit. Erst am 1. Juni gingen heuer die Kühe auf die Weide und am 22. auf die Alp.
Zum Nachtessen gab es ein Stück Kulturlandschaft. Der Metzger Stefan hatte Steaks von einer Safier Kuh vorbereitet, die am Grill perfekt gerieten und ausgezeichnet mundeten. Noch lange wurde am Futtertisch gefachsimpelt und das ein oder andere Bier getrunken, bevor man im Strohlager die Nachtruhe suchte.
4. Tag
4 Grad Celsius bei strahlend blauem Himmel, so präsentierte sich das Safiental am Sonntagmorgen. Wir schüttelten uns die Kälte aus den Knochen und frühstückten am Futtertisch neben den Mastkälbern (laut unserem Busfahrer Wolfgang hatte er schon viel erlebt, aber das noch nicht). Jeder freute sich schon auf die ersten Sonnenstrahlen. Mit dem Bus führte uns der Weg ins kleine Bergdörfchen Tenna am Beginn des Safientales. Von dort auf die Alp Tenna, einige bevorzugten den gemütlichen Weg mit dem Almtaxi. Am Tennaer Chrüz wurde an diesem Tag ein Alpfest gefeiert, mit einer Bergmesse, einigen Musikgruppen und einem Ausschank. Vom Tennaer Chrüz führt der Weg weiter auf die Alp Brün, wo Freunde von mir, Kreuzer Sepp und Anna Brunauer, ihren Sommer verbringen. Sie betreuen dort 48 Milchkühe und verkäsen die Milch. 4.000 kg Käse haben sie bereits erzeugt. Hier war auch noch einmal die Möglichkeit, sich mit Käse einzudecken. Nun mussten wir schön langsam Abschied nehmen. Ein Fußmarsch durch die steilen Wiesen und Weiden und ein Fußbad im Brunntrog, dann konnten die Bergschuhe gegen die Flip Flops getauscht werden und wir bestiegen den Bus Richtung Heimat.
An dieser Stelle möchte ich mich bei der coolen Truppe von Jungzüchtern fürs Mitfahren, Mitwandern, Mitinteressiert sein und Mitfeiern bedanken. Natürlich auch bei unserem Busfahrer Wolfgang, der uns überall sicher hinchauffiert hat, vor allem im Safiental, was wahrscheinlich das Meisterstück ist. Viel Spaß mit dem Bericht und den Fotos und vielleicht bald auf eine neue Reise!
DI Mathias Kinberger