Jungzüchterreise in die Slowakei
Interessante Tage in der Hohen Tatra
Acht unerschrockene (Jung-) Züchter entdeckten eine weitere Heimat des Pinzgauer Rindes, die Hohe Tatra im Norden der Slowakei.
Die Landwirtschaft der Slowakei ist geprägt von Großbetrieben, die in der Zeit des Sozialismus nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden sind. Die Flächen der Bauern wurden in diese Gemeinschaftsbetriebe eingebracht, kleinere Flächen zur Selbstversorgung mit Obst, Gemüse, Kartoffeln und ein paar Stück Vieh durften die Bauern behalten. Die Großbetriebe, die jeweils einige tausend Hektar umfassten, waren die Arbeitgeber für die Landbevölkerung. So wurden die Bauern zu Traktorfahrern, Melkern oder Kälberbetreuer.
Zu dieser Zeit war das Pinzgauer Rind in den gebirgigen Regionen eine der Staatsrassen der Slowakei, neben dem Fleckvieh, das in den Ackerbauregionen des Tieflandes gehalten wurde. Weit verbreitet war auch die Milchschafhaltung mit dem Walachischen Schaf.
Nach der Wende wurden die Großbetriebe von staatlicher Seite aufgelöst, die Besitzer erhielten ihre Flächen zurück. Diese hatten aber weder das Know-How noch die Maschinen und das Kapital, um die Flächen selbst zu bewirtschaften. So verpachteten sie die Flächen wieder an neu gegründete Gesellschaften, die auf den alten Betriebsstätten bis heute weiterwirtschaften. Neben neueren Maschinen hielten auch auf vielen Betrieben neue Rinderrassen Einzug, so stehen heute auf den meisten Milchbetrieben Holsteinrinder. Bei einem Milchpreis von 20 Cent stellten 2008 einige Betriebe auf Mutterkuhhaltung um.
Mehrere dieser Großbetriebe wurden auf unserer Rundreise besucht. Der erste Betrieb liegt in der Mittelslowakei in Lehota pod Vtáčnikom mit einer zum großen Teil gepachteten Fläche von 3.500 Hektar mit einer unbeschreiblichen Summe von 4.000 Pachtverträgen. Es werden 600 Fleckvieh-Milchkühe mit Kalbinnenaufzucht und Stiermast gehalten. Über 5000 Tiere bilden die riesige Schafherde, davon werden rund ums Jahr 2.000 Tiere gemolken. Schafmilch erlöst einen sehr guten Preis von über einem Euro pro Liter. Das Management einer derartig großen Schafherde ist eine große Herausforderung für die Betreuer, da es in Europa nur wenige Experten für Milchschafe gibt. Der Betrieb wird vom Tiroler Daniel Frauenschuh geführt. Er erklärte uns eindrucksvoll die Stärken und Schwächen eines Großbetriebes, wie er in der Slowakei üblich ist. Vor allem die Tierhaltung ist stark vom Einsatz der Mitarbeiter abhängig, die entsprechend motiviert werden müssen.
Unsere Reise führte uns weiter in den Norden an die polnische Grenze. Nur wenige Kilometer hinter der Grenze liegt Zakopane, bekannt vom Schispringen. Hier in der dieser rauen Gebirgsregion werden seit über 150 Jahren Pinzgauer Rinder gehalten. Der Betrieb Čimhová umfasst 1.800 Hektar, vor allem Grünland. 400 Mutterkühe werden gehalten, davon sind 200 Pinzgauer Kühe, der andere Teil Limousin und Charolais. Die Tiere werden alle in Reinzucht gehalten, im Winter wird besamt. Zum Einsatz kommen die Pinzgauer Fleischstiere Ravensbrook Cäsar, Horio P, Hans PS, Bastian PP und Amadeus. Im Sommer wird der Rest im Natursprung belegt, zwei Stiere sorgen für Nachwuchs, ein selbstgezüchteter Kondi-Sohn undStubach (V: Stabil), der beim Märzmarkt von Vit Celko ersteigert wurde und von Helmut Meusburger in seine neue Heimat transportiert wurde. Die Kälber werden im Herbst zu sehr guten Preisen, zurzeit vor allem in die Türkei, verkauft. Weiters erhalten die Pinzgauer Betriebe eine Prämie für die Erhaltung des Pinzgauer Rindes von 200 € pro Kuh. Die Pinzgauer weiden in Čimhová aufgeteilt auf zwei Herden von je 100 Kühen mit ihren Kälbern auf großflächigen Grünlandflächen mit einem riesigen Futterangebot.
50 Kilometer südlich rund um Liptovský Mikuláš liegen weitere große Pinzgauer Betriebe. Wie zum Beispiel in Liptovská Porúbka, der Pinzgauer Milchbetrieb vom Slowakischen Pinzgauer Präsidenten Jan Paciga. Hier werden 250 Pinzgauer Milchkühe in Reinzucht gehalten. Die Tiere werden in großen umgebauten Laufställen gehalten, gefüttert wird eine TMR aus Gras- und Maissilage, Heu und Kraftfutter. Im Sommer wird geweidet, die Weideflächen liegen teilweise eine halbe Stunde weit entfernt. Die Leistung der Herde liegt bei 5.000 kg Milch bei 4 % Fett und 3,5 % Eiweiß. Belegt wird nur mit Besamungsstieren, in den letzten Jahren wurde vor allem mit Mungo und Nero SK besamt. Die Kälber werden alle aufgezogen, die Stierkälber kastriert und als zweijährige Weideochsen vermarktet. Beeindruckend sind die Zahlen der jährlichen Futterernte: jedes Jahr werden 12.000 Tonnen Grassilage, 7.000 Tonnen Maissilage und 1.000 Tonnen Heu geerntet.
Im Nachbarort liegt der Betrieb Smrečany, der 100 Pinzgauer Kühe in Mutterkuhhaltung hält. Sehr formatstarke, schwere und typvolle Pinzgauer Kühe bilden hier die Herde gemeinsam mit ihren frohwüchsigen Kälbern. Hier wird unter anderem kanadische Genetik eingesetzt, die nach dem Kongress 2003 importiert wurde. Ganz in der Nähe der Weiden befindet sich die Salaš Žiar, eine für die Tatraregion typische Alm. Gespeist wurden hier Haluschky, Kasnocken mit Schafskäse, serviert mit geröstetem Speck.
Ein paar Kilometer entfernt liegt die Salaš Pastierska, auf der 500 Milchschafe gehalten werden. Diese werden zweimal am Tag mit der Hand gemolken, ein Melker schafft 100 Schafe. Verarbeitet wird die Milch an Ort und Stelle zu Schafskäse, der auch geräuchert wird, und Brimsen (Schafsmilchtopfen), dem Ausgangsprodukt für den echten Liptaueraufstrich. Die Produkte finden reißenden Absatz bei der lokalen Bevölkerung. Für Touristen wurde eine alte Schäferhütte nachgebaut und die Traditionen anschaulich aufgezeigt.
Das letzte Highlight war der Besuch des Nationalgestüt Topoľčianky, einem der bedeutendsten Pferdezuchtzentren in Europa. Gezüchtet werden Lipizzaner, Huzulen, Shagya-Araber und Slowakisches Warmblut. 560 Pferde werden am Gestüt und den vier Aufzuchthöfen gehalten. Zahlreiche Fohlen aller Rassen erblicken jedes Jahr das Licht der Welt, werden aufgezogen, ausgebildet und dann zur Zucht verwendet oder verkauft. Weiters ist das Gestüt Austragungsort für zahlreiche Turniere und Pferdegroßveranstaltungen.
Über Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei gelegen an der Donau, ging es zurück nach Österreich. An dieser Stelle gilt es allen slowakischen Pinzgauer Züchter, die uns sehr gastfreundlich auf ihren Betrieben willkommen geheißen haben, Danke zu sagen. Vor allem auch Maria Rusekova und ihrem Sohn Martin, die mir bei der Planung der Reise geholfen und uns zwei Tage begleitet haben.
Mathias Kinberger
