Zum Hauptinhalt springen

Pinzgauer Züchterlehrfahrt

Schon das enorme Interesse an der diesjährigen Lehrfahrt ließ auf die Besonderheit dieses Ausflugswochenendes schließen - die Erwartung an drei schöne und lehrreiche Tage in Ost-, Süd- und Nordtirol war gegeben und konnte auch durchaus erfüllt werden!

Wie bestellt wechselte das Wetter Freitag Früh von Regen auf Sonne und schon die Fahrt nach Osttirol war ein Erlebnis. Die häufigen Sperren der Felbertauernstraße im vergangenen Winter ließen sich angesichts der Bilder allzu leicht nachvollziehen - auf vielen Stellen waren ober- bzw. unterhalb der Straße die "Hinterlassenschaften" mächtiger Lawinen zu sehen!
Mit herrlichen Ausblicken begrüßte uns die imposante Bergwelt Osttirols und der Großglockner thronte mächtig über Kals, welches das erste Ziel des Tages war!
Mächtig präsentierte sich auch der FIGERHOF, der auf einer Seehöhe von 1.300 m Seehöhe steht. Philipp Jans, ein eigenwilliger, sehr direkter und markanter junger Mann, empfing die große Gruppe mit beispielgebender Offenheit bzw. Ehrlichkeit. Er nannte "3 Krankheiten", die ihn besonders plagen:
1. habe er einen genetischen Defekt, da er mit Leib und Seele Bauer ist
2. ist er von Kind an bessesen von der "Goaß" - und
3. habe er eine Allergie gegen Menschen, im Speziellen gegen Bauern, die alles schlecht reden und ihre Höfe nicht übergeben wollen


Philipp Jans, der aus dem "nichtbäuerlichen" Bereich kommt und nach der HBLA in Ursprung ein Landwirtschaftsstudium in Bayern absolvierte, erstand bereits im Alter von 10 Jahren seine erste "Goaß". Seine Ideen und Visionen (die durchaus nicht immer für Jedermann verständlich sind!) wurden aber von Beginn an von der Familie gefördert und unterstützt. Der Gedanke, die Ziegenzucht gemeinsam mit seinem Onkel zu forcieren, wurde durch den zum Verkauf angebotenen Figerhof jäh unterbrochen. Der passionierte Ziegenliebhaber siedelte im Sommer 2008 vom Lienzer Talbecken in die Bergwelt Kals und hat den Hof bereits kräftig "umgemodelt". Da er die Melkanlage bereits vor dem Hof erwarb, hieß es nun, einen Stall bzw. ein Melkzentrum zu bauen. Der derzeitige Ziegenbestand von ca. 220 (140 davon in Milch) Stück (Saane und Gämsfärbige Gebirgsziege) soll noch aufgestockt werden - Jans arbeitet kräftig an seinem Ziel, die Jahresmilchmenge von 100.000 kg zu erreichen! Drei Mal die Woche wird die Milch an die Bundesanstalt für Alpenländische Milchwirtschaft nach Rotholz gebracht, der Preis pro kg beträgt derzeit 74 Cent. Der Figerhof mit seinen 58 ha (16 ha Alm, derzeit verpachtet, 33 ha Wald, Rest Grünland) bietet noch genügend Platz für Anderes. Neben den Ziegen hält der temperamentvolle Unternehmer noch allerlei "Kleingetier" - unübersehbar auch die zwei schönen Noriker Jungstuten, die sich auf der Frühlingsweide labten. Tags darauf präsentierten sich die beiden Jährlinge auf der Bezirksschau in Lienz und kassierten für ihr glänzendes Aussehen einen Sieg bzw. Reservesieg. Philipp Jans überzeugte mit einer enormen Willenskraft und seiner positive Lebenseinstellung - ein Indiz dafür, dass das "Bauersein" nicht unbedingt vererbt werden muss!

Nach einer guten Mittagspause in Lienz hieß es die Staatsgrenze zu übertreten. Nachdem dies heute sehr unaufregend vonstatten geht spürt man auch keinerlei Fremdgefühl - was hier ohnehin nicht zum Tragen käme, da die Pinzgauer Züchterschar ja bekanntlich ein besonderes Verhältnis zu ihren Südtiroler Kollegen pflegen!!!
Mit dem Besuch des Volkskundemuseum Dietenheim/Bruneck stand ein sehr schönes Ziel am Programm. Anhand der verschiedensten Baulichkeiten kommen ganz deutlich die sozialen Differenzen von früher ans Licht. Die besonders liebevoll und schön gestaltete Anlage mit ihren reizvollen Gebäuden ist überaus empfehlenswert und dokumentiert eindrucksvoll das Leben vergangener Jahrhunderte.

Der Bezug der Quartiere war nur mehr eine Formsache - nach 15 min Fahrzeit war auch Pfalzen erreicht und einem gemütlichen Abend sollte nichts mehr im Wege stehen!? Unerwartet gab's dann aber doch ein paar unliebsame Überraschungen - neben einer "Kaltwasserdusche" im Gasthof Jochele kam noch eine weitere hinzu - die georderten Musikanten waren mit ihren Kalendernotizen ein wenig in Verzug, sie hatten ihren Auftritt um eine Woche später angesetzt! (Vielleicht läuft die Zeit im Pongau noch ein wenig langsamer....)
Die besondere Toleranz und Flexibilität der Reisegruppe kam hier besonders zu tragen - man hörte weder Beschwerden noch tat diese Botschaft der guten Stimmung einen Abbruch. Da sich unter den Pinzgauer ZüchterInnen auch begnadete SängerInnen befinden, wurde kurzerhand ein "Pinzgauer-Chor" gegründet und geheimen Auskünften zufolge sollte dieser am Samstag recht ausgiebig zum Einsatz gekommen sein...

Pfalzen lag bereits im Schaufieber und trotz der Anspannung und mühevollen Vorbereitung der letzten Tage und Wochen kam "Hausherr" Peter Bodner auf ein (oder mehrere) Erfrischungsgetränk(e) vorbei, man musste sich ja schließlich innerlich und äußerlich auf eine große Sache vorbereiten!!! Auch die "Jugend" stieß noch zur großen Runde - Stefan Lindner, Thomas Edenhauser und Mathias Kinberger suchten nach einer längeren "Inspektion" am Pichlerhof in Ahornach ihre Schlafstätte beim Jochele! (fraglich, ob sie diese auch wirklich benutzt haben?!). Eine weitere private Reisegruppe wurde gesichtet - auch eine Großarler Abordnung war zugegen!

Der Samstag stand in einem besonderem Zeichen - 60 Jahre organisierte Pinzgauerzucht in Südtirol war Anlass für eine großartige Landesausstellung. 124 schönste Pinzgauer Kühe und Kalbinnen demonstrierten beeindruckend die Pinzgauer Zuchtarbeit der letzten Jahre und ernteten dafür größte Anerkennung. Mit großem Stolz und Freude stellten Südtirols Pinzgauer Züchter ihre herausgeputzten Tiere zur Schau - sehr erfreulich auch die begeisterte Jugend, die sehr viel Hoffnung für eine erfolgreiche Zukunft verspricht!

Mehr dazu im Extra-Schaubericht!!

Alternativ zur Schau wurde vormittags eine Stadtführung in Bruneck angeboten, die auf große Begeisterung stieß. Allein schon der herzliche Empfang des Stadtführers inklusive seinem eleganten Outfit sorgten für einen amüsanten und kurzweiligen Vormittag.

Mittags versammelten sich wieder alle in Pfalzen um das große Finale nicht zu verpassen. Es galt schließlich, die Siegerinnen der Landesausstellung 2009 entsprechend zu würdigen! Ein weiterer Höhepunkt wäre natürlich auch die Tombola gewesen, nur freuten sich einige Voreilige umsonst, da die besten Gewinne allesamt in Südtirol blieben! Somit blieben auch alle Sorgen, wie man ev. Kalb oder Kalbin nach Hause bringen könnte, aus, auch die Vorfreude auf aufregende Jagderlebnisse mit Peter Bodner u.Co. musste leider wieder begraben werden! Da aber die Freude der Anderen geteilt werden durfte, konnte nicht einmal der abendliche Regen der guten Feierstimmung (die sich aber nur mehr auf einige wenige Ausdauernde reduzierte) etwas anhaben und schlussendlich konnte man ja noch in trockenere Gefilde übersiedeln...

Allzu schnell verflogen zwei Abende und der Abreisetag brach bereits herein - ein kurzer Rundgang durch Pfalzen (hier konnte man die Auswirkungen der nächtlichen Siegesfeiern hautnah erleben - der Milchtank von Peter Bodner leistete gute Dienste als Stütze gegen leichte Ermüdungserscheinungen!) und ein gutes Frühstück waren das Letzte, bevor die Busse Richtung Brenner von dannen zogen.

Kurz nach Erreichen des Österreichischen Staatsgebietes, begann das Sonntagsprogramm. Der Ehlerhof der Fam. Paul und Gabi Strickner in Gries/Brenner stellte sich den interessierten Besuchern zur Besichtigung. Auf 1.400 m Seehöhe steht das schöne Hofgebäude, das Heimat für ca. 50 Stück Tiroler Grauvieh ist. Paul Strickner verriet gleich in seiner Begrüßung sein Erfolgsgeheimnis - seine FAMILIE, die aus Frau Gabi und den Kindern Anna, Benedikt, Maria und Viktoria besteht. Seit 1840 ist der Ehlerhof in Familienbesitz, der gelernte Tischler und landw. Meister bekleidet einige öffentliche Ämter, was nur aufgrund der großen familliären Unterstützung möglich ist. 1998 begann Fam. Strickner mit dem Bau eines Laufstalles, in diesen Lagen damals noch verpönt und kritisiert, aber bald darauf bewundert und vielleicht sogar beneidet?! Die Lebensqualität der Rinder sowie die Arbeitserleichterung sprachen von Beginn an für dieses Projekts. Nur einen Nachteil könnte man vielleicht erwähnen: durch die Hornlosigkeit der Tiere wird man den Namen Strickner nicht leicht auf den Siegerlisten bei Ausstellungen finden - Grauvieh ohne Hörner hat ein großes Handicap bei Siegentscheidungen - ihnen fehlt nicht nur der Kopfschmuck, sondern auch die Sammlung der eingebrannten Edelweiße! (Paul meinte allerdings, dass man mit diesem Nachteil relativ gut leben könne!)
2000 wurde das Wohnhaus saniert sowie eine Hackschnitzelheizung errichtet. "Der Hang zum Bauen ist vielleicht eine Eigenschaft von mir", erzählte der Betriebsführer. Pläne für die nächste Herausforderung liegen bereits in der Schublade - der Kuhstall soll wieder um ein paar Meter erweitert werden!
Von 33 ha Eigengrund sind 15 ha Lärchenwiesen bzw. Bergmähder (2 ha werden mit der Sense gemäht), deren Bewirtschaftung zwar mühsam ist, aber dank der guten Förderung auch einen Lohn für den großen Aufwand einbringt. Paul Strickner betonte das Bewusstein dieses besonderen Erholungsraumes, welcher von höchster Qualität ist!
Seit jeher ist der Ehlerhof Garant für beste Grauviehzucht - auch bei der kuisa 09, die eine Woche vorher stattfand, waren die Strickners erfolgreich vertreten. Natürlich wurde uns eine Schaukuh präsentiert - und das von der Jüngsten im Bunde! Mit schier grenzenloser Selbstsicherheit führte die 2-jährige Viktoria ihre Lieblingskuh BEA (8 Kälber, HL:6. 6.957 - 3,94 - 3,05 - 486) vor und verzauberte damit die entzückten Besucher!
Nach einem Abschiedsständchen wurde die Fahrt Richtung Norden fortgesetzt, wartete doch schon das Mittagessen in Matrei bzw. der Obmann der Tiroler Pinzgauer Züchter in Oberndorf.

Stefan Lindner berichtete in seiner Betriebsvorstellung über die Entwicklung des Schörgerer. Aufgrund der ständigen Erweiterung der Gastronomie wurden die Kompetenzen klar aufgeteilt, d.h. Schwester Barbara leitet das Hotel und Stefan kümmert sich um das gute Gedeihen von Land- und Forstwirtschaft. Seine Erfolge in der Pinzgauer Rinderzucht sind ja spätestens seit der Tiroler Landesschau bekannt, immerhin konnte er allein mit Stella zwei große Siege einfahren, nebenbei gingen noch zwei Siege bzw. zwei Reservesiegerplätze auf das Konto des Schörgerer! Neben der Rinderzucht widmet er sich noch leidenschaftlich den Pferden (5 Noriker) und Ziegen (20 Gämsfärbige Gebirgsziegen mit einem Stalldurchschnitt von 1.000 kg Milch). Sein Betrieb steht auf folgenden Standbeinen:
-Pinzgauer (z.T. Einkreuzung mit RF) Zucht- u. Milchwirtschaft
-Forstwirtschaft
-Hackschnitzelheizwerk (360 KW)
-Schnapsbrennerei in Kooperation mit vier Nachbarn
-Hahnenkamm (die rennmäßige Präparierung des Ganslernhanges liegt in seiner Verantwortung)


In seiner Funktion als Obmannstellvertreter der TIROL MILCH ist Lindner zur Zeit massivst mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten betraut. "Vom Jammern wird sich nichts ändern", so der Vordenker, der die momentane Situation als große Chance und Herausforderung sieht, Veränderungen anzudenken und zu realisieren. Lindner rief zu einem gesunden positiven Optimismus auf, da jeder Rezession wieder ein Aufschwung folgt!

Gleicher Familienname, aber völlig andere Voraussetzungen fand man beim Nachbarn vor - Andreas Lindner, Angerer stellte kurz seine Betriebsstrukturen vor - der Grundbesitz von 17 ha befindet sich in einiger Entfernung der Hofstelle, d.h. dass seine Pinzgauer erst mit dem Almgang das Stallgebäude verlassen. 2003 errichtete der Angerer einen praktischen Laufstall, in dem sich 50 überwiegend reinrassige Pinzgauer befinden. Die Milcherzeugung ist auf Alm- (40.000) und Hoflieferung (80.000) aufgeteilt, ab Ende Mai übersiedelt die ganze Familie (Andreas und Gerlinde mit Theresa, Maria und Andreas jun.) auf die Alm (100 ha) unterhalb des Kitzbühler Horns, wo neben den eigenen 25 Kühen noch ca. 15 Leihkühe versorgt werden. Die Bewirtschaftung der Wiesen erfolgt im Frühjahr mittels Maschinenring (Silage), das nötige Heu wird im Winter zugekauft. Andreas Lindner verkaufte vor Jahren seinen Ladewagen, den er als überflüssig betrachtete und leistete sich als Alternative ein Mountainbike - dieses brachte ihm wahrscheinlich auch ein Stück Lebensqualität ein!

Nach den interessanten Ausführungen steigerte sich die Stimmung der Ausflügler nochmals erheblich, als sich die eigentliche "Musigage" in eine köstliche Kaffeejause verwandelte. So nahmen drei interessante Tage einen kulinarisch hochwertigen Abschluss im "s'Liftradl" - die besonders leckeren Mehlspeisen und die angenehme Stimmung der Schörgererfamilie sorgte für einen überaus netten Ausklang dreier Tage, die sicherlich noch länger in guter Erinnerung bleiben werden!

Allen Betrieben, die bereitwillig und mit großem Engagement ihre Tore und Türen geöffnet haben, sei herzlichst gedankt - neben interessanten Einblicken haben wir viel Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit erleben dürfen - danke vielmals dafür!

Christina Sendlhofer

Zurück