Praktikum in Belgien
Magdalena's zweiter Teil - ein sehr lehrreicher und schöner!
Im April ging es dann weiter mit meinem Praktikumssemesters, das insgesamt vier Monate dauert. Die ersten zwei Monate führte es mich nach Belgien zu einem befreundeten Tierarzt, wo ich bereits 2015 ein Monat Praktikum gemacht habe. Meine Familie ist schon sehr lange mit meiner Gastfamilie befreundet. Zu meiner Gastfamilie zählen: Veerle und Filip, die beiden Kinder Marie und Flor, 3 Pferde, 2 Kühe, 1 Schaf, 3 Hunde, 1 Katze, 3 Enten und 2 Hühner. Sie haben selber einen Pferdestall mit einigen Einstellerpferden.
Filip hat nach seinem Studienabschluss 1997 für ein Jahr in Frankreich gearbeitet und sich anschließend selbstständig gemacht. Heute betreut er zwischen 3500 und 4000 Rinder, die sich aus den Rassen „Weiß-Blaue-Belgier" (75%), „Blonde d`Aquitaine" (20%) und „Holstein" (5%) zusammensetzen. Die zu betreuenden Kunden liegen in einem Umkreis von ca. 10 km. Was den Wochenenddienst betrifft, arbeitet Filip mit drei anderen Tierärzten zusammen, wodurch er jeden zweiten Sonntag von 8 bis 22 Uhr frei hat. Filip macht ca. 1000 Kaiserschnitte per Jahr. Die Hauptsaison für die Kaiserschnitte ist von Dezember bis April, damit die Kühe im Sommer auf die Weide können. Da eine Geburt bei Weiß-Blauen-Belgiern zu 98% nur mit Kaiserschnitt möglich ist, werden die Kalbinnen bereits ab dem 12. Lebensmonat belegt. Die Befruchtung der Rinder erfolgt meist durch Zuchtbullen. Es werden aber auch künstliche Besamungen und Embryotransfer durchgeführt. Die Kälber kommen mit einem Gewicht zwischen 50 und 70 kg auf die Welt. Nach der Geburt laufen sie entweder für einige Zeit mit ihren Müttern mit oder werden gleich getrennt gehalten. Getränkt werden die Kälber aus „normalen" Eimer und nicht wie bei uns mit einem Saugeimer. Gefüttert werden die Rinder mit Maissilage, Futterrüben, Kartoffeln, Getreide und Grassilage.
Während der Kaiserschnitthauptsaison sind die Arbeitstage nur schwer zu planen, da bereits ein Anruf genügt, um den Plan über den Haufen zu werfen. Die Arbeitstage haben immer zwischen 8 und 9 Uhr begonnen, mittags sind wir für ein bis zwei Stunden nach Hause gekommen, bevor wir dann in den meist sehr arbeitsreichen und intensiven Nachmittag bzw. Abend gestartet sind, der selten vor 23 Uhr ein Ende gefunden hat. Während ich in den Nächten zu Hause geblieben bin, musste Filip fast jede Nacht noch ein- bis zweimal für einen Kaiserschnitt aus dem Bett.
Nach dem Platzen der ersten Fruchtblase (Wasserblase), hat man ca. 3-4 Stunden Zeit, um einen Kaiserschnitt durchzuführen.
Ein Kaiserschnitt dauert 45 bis 70 Minuten, wobei die meiste Zeit für die Vorbereitung und das Zunähen beansprucht wird. Zuerst muss das Operationsfeld in der linken Flanke rasiert und gewaschen werden. Danach wird eine Lokalanästhesie durchgeführt und das Operationsfeld desinfiziert. Ist alles vorbereitet, muss sich der Tierarzt noch waschen und desinfizieren. Anschließend wird die Bauchfellhöhle mit Hilfe eines Skalpells eröffnet und nach der Gebärmutter mit dem Fötus gesucht. Dann verlagert man sich die Gebärmutter so gut es geht in die Schnittöffnung und öffnet den Uterus mit Hilfe einer Schere. Sind die Geburtsketten angelegt, kann das Kalb entbunden werden. Und dann heißt es nähen. Insgesamt müssen fünf Schichten genäht werden: Uterus, Bauchfell, Muskulatur, Unterhaut und Haut. Um die Kuh vor einer bakteriellen Infektion zu schützen, wird sowohl in die Gebärmutter, als auch in die Bauchfellhöhle Antibiotika gegeben. Ist die Wunde wieder verschlossen, gibt man noch Aluminiumspray auf die Wunde und verabreicht der Kuh Oxytocin und Antibiotikum. Das Oxytocin dient dem Abgang der Nachgeburt und das Antibiotikum soll vor einer bakteriellen Infektion Schutz bieten. In der Regel ist eine weitere Nachbehandlung nicht notwendig, da kaum Komplikationen auftreten. Mögliche Komplikationen sind zum Beispiel Nachgeburtsverhalten, Wundinfektionen mit/ohne Abszessbildung und Bauchfellentzündungen, die vor allem durch nicht steriles Arbeiten hervorgerufen werden. Deshalb werden die Kaiserschnittboxen mit den chirurgischen Instrumenten nach jedem Kaiserschnitt zuerst in einem Geschirrspüler gewaschen und anschließend in einem Heißluftsterilisator für eineinhalb Stunden auf über 160°C erhitzt und sterilisiert.
Bereits ein bis zwei Monate nach dem Kaiserschnitt werden die Rinder erneut zum Bullen gebracht und werden meist nach kurzer Zeit wieder trächtig. So hatten wir einmal eine Kuh, die bereits 10 Monate nach ihrem ersten Kaiserschnitt zum zweiten Mal gekalbt hat.
Auch Filips Eltern haben Rinder. Ihre beste Kuh schaffte sagenhafte 8 Kaiserschnitte und das mit insgesamt nur 9 künstlichen Besamungen. Man muss also keine Angst haben, dass eine Kuh nach einem Kaiserschnitt nicht mehr trächtig werden kann.
Zu den Haupttätigkeiten neben den Kaiserschnitten zählen Trächtigkeitsuntersuchungen, Kälberkrankheiten, Blauzungenimpfung, Blutprobennahme, Klauenpflege, Mastitis, Geburtshilfe und Ankaufskontrolle.
Seit Anfang April wird in Belgien gegen Blauzungenvirus Serotyp 8 (Österreich Serotyp 4) geimpft, wobei die Impfung auf freiwilliger Basis ist. Es handelt sich dabei um einen Totimpfstoff, weshalb die Wiederkäuer 3 bis 6 Wochen nach der ersten Impfung erneut geimpft werden müssen. Ein Monat nach der zweiten Impfung sind die Tiere dann vor Blauzunge geschützt.
Die Blutprobennahme spielt in Belgien eine große Rolle, da dieses Land nicht frei von IBR ist und die landwirtschaftlichen Betriebe in 4 verschiedene Gruppen, abhängig von ihrem IBR-Status eingeteilt werden.
I1: Status unbekannt – Es ist noch keine Blutprobennahme/-untersuchung durchgeführt worden
I2: Status IBR geimpft – Betriebe, die ihren gesamten Bestand jährlich gegen IBR impfen.
I3: Status frei von IgE-Antikörpern (entstehen bei einer IBR-Infektion), aber nicht frei von Impfantikörpern, die sogenannten IgB-Antikörper.
I4: Status frei von IgE und IgB Antikörpern
Je nach Ergebnis der Blutproben kann sich auch der IBR-Status des einzelnen Bauern verändern. Hat ein Betrieb Status I2, ist er zum Impfen verpflichtet, die Jungtiere mit Lebendimpfstoff, die adulten Tiere mit Totimpfstoff. Ziel der Landwirte ist es, frei von IBR zu sein, da das Impfen sehr viele Kosten mit sich bringt. Die Blutprobennahme muss einmal jährlich durchgeführt werden.
Ein Beispiel: Ein getesteter Betrieb mit Status I2 verkauft seine IBR positiven Rinder. Bei der nächsten Blutprobennahmen hat er nur noch Rinder mit Impfantikörpern. Um in den Status I3 aufzusteigen, muss er 4 bis 8 Monate nach der vorherigen Blutprobennahme erneut Blut nehmen und den Status I3 bestätigen. Ist dies geschehen, muss der Landwirt nicht mehr impfen gegen IBR.
In den zwei Praktikumsmonaten haben wir auch Holsteinkühe mit einer Labmagenverlagerung nach links behandelt. Dabei wird die Kuh auf ihre rechte Seite abgelegt und auf den Rücken gedreht, wodurch sich der mit Gas gefüllte Labmagen zurück in seine physiologische Lage begibt. Anschließend wird er mit der sogenannten „Toggle pin suture"- Methode fixiert. Dabei werden 2 an Fäden fixierte Metallstäbe mit Hilfe eines Trokars in den Labmagen eingebracht und die Fadenenden außerhalb der Kuh über einem Handtuch verknotet. Dann wird die Kuh zurück auf die rechte Seite abgelegt. Ein bis zwei Tage später erfolgt eine Kontrolle, ob der Labmagen richtig fixiert wurde.
Auch Operationen an Kälbern mit Sehnenstelzfuß und spastischer Parese haben wir durchgeführt. Bei Kälbern mit Sehnenstelzfuß, also krummen Gliedmaßen, ist es vom Grad der Sehnenverkürzung abhängig, ob eine Operation notwendig ist oder nicht. In einigen Fällen ist es bereits ausreichend, dass sich das Kalb in den ersten Wochen nach der Geburt viel bewegt. Ist die Sehnenverkürzung durch Belastung alleine nicht zu beheben, wird die betroffene Gliedmaße für ca. 2 Wochen in Streckstellung eingegipst. In sehr schwierigen Fällen ist eine Operation notwendig, bei der die Sehnen durchtrennt und die betroffenen Gliedmaßen anschließend in Streckstellung für 5-6 Wochen eingegipst wird.
Die Trächtigkeitsuntersuchungen haben wir mit oder ohne Ultraschall durchgeführt, abhängig davon, wie lange die Kühe schon beim Stier waren beziehungsweise wann sie besamt wurden. In den Betrieben, in denen die Kühe beim Stier mitlaufen, war es den Landwirten wichtig zu wissen, ob die Kühe tragend sind und wenn ja, wie lange, um zu wissen, wann man ungefähr mit der Geburt rechnen muss.
Wenn noch Zeit übrig war, haben wir uns auch den anderen Tierarten, also Pferd, Schwein, Hund und Katze gewidmet.
Alles in allem war es ein mehr als gelungenes Praktikum. Auch ich musste mich am Anfang erst an das Aussehen der „Weiß-Blauen-Belgier" gewöhnen, habe sie aber mittlerweile, vor allem auch wegen ihrem gutmütigen Charakter, in mein Herz geschlossen.
Magdalena Fuchs
